Urabstimmung im Hüttenwerk Oberhausen am 29.November 1950 ©AdsD/6/FOTB016382
1950-1966
West: Die "Wirtschaftswunder"-Jahre

Lebensbedingungen

Bescheidener Wohlstand auch für Arbeiterfamilien

Die schlimmsten Jahre sind überstanden. Die Rationierung von Lebensmitteln und Brennstoff wird aufgehoben, Arbeitskräfte werden schon bald händeringend gesucht. Dank höherer Löhne, kürzerer Arbeitszeiten und mehr Urlaub kommen Arbeiterfamilien zum ersten Mal in der Geschichte des Kapitalismus zu bescheidenem Wohlstand.

Noch sind die Spuren des Krieges vielerorts zu sehen, noch fehlt es an Wohnungen und vielen Dingen des täglichen Bedarfs. Doch die Lebensbedingungen verbessern sich spürbar, die Zuversicht der Bevölkerung in die Zukunft wächst. Kaum jemand hat es für möglich gehalten, dass sich nach Weltwirtschaftskrise, Krieg und Nachkriegselend die Lage so schnell normalisieren wird.

Endlich: Die Versorgung mit Lebensmitteln wird besser

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Motor für die positive Entwicklung ist natürlich die Wirtschaft. Angekurbelt durch den Marshallplan und den Korea-Boom wächst sie schnell. Die Arbeitslosigkeit geht zügig zurück. Die Quote sinkt zwischen 1950 und 1955 von 11,0 auf 5,6 Prozent und erreicht mit 0,7 Prozent im Jahr 1965 einen Tiefstand. Bereits Ende der 1950er Jahre fehlt es an Arbeitskräften - trotz des Zustroms von Millionen von Flüchtlingen und der Zunahme der Erwerbsarbeit von Frauen. Ausländischer Arbeitnehmer aus Südeuropa und später der Türkei werden angeworben, um die Lücke zu schließen.

Hand in Hand mit dem wirtschaftlichen Wachstum verlagert sich die Bedeutung der verschiedenen Wirtschaftsbereiche. Die Land- und Forstwirtschaft verliert, das produzierende Gewerbe und der Dienstleistungssektor gewinnen. Damit steigt auch die Zahl der Angestellten. Ihr Anteil an Erwerbstätigen wächst von 22,9 (1950) auf 32,1 Prozent (1965). Der Anteil der Arbeiter hingegen sinkt von 70,9 (1950) auf 59,7 Prozent (1965).

Wirtschaftlicher Aufstieg und gewerkschaftliche Aktivität führen zu einem Anstieg der Lohnquote, also zu einem wachsenden Anteil der Arbeitnehmer am Volkseinkommen. Schaut man aber auf die Entwicklung der Nettolohnquote, d.h. der Lohnquote nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben, so ergibt sich freilich ein anderes Bild: Wegen höherer Abzüge liegt die Nettolohnquote zunehmend deutlicher unter der Bruttolohnquote. Damit vergrößern sich die Einkommensunterschiede zwischen Lohnabhängigen und Selbstständigen.

Ausbau des Sozialstaates

Die staatlichen Systeme zur finanziellen Absicherung bei Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter werden in den 1950er Jahren ausgebaut. Die wichtigsten Gesetze sind: die Dynamisierung der Rente (1957), mit der die Rentenhöhe an die Entwicklung der Löhne und der Preise angepasst wird, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall auch für Arbeiter (1957) und das Bundessozialhilfegesetz 1962. Hinzu kommen die Hilfen für Kriegsversehrte und Hinterbliebene, der Lastenausgleich für Vertriebene und Flüchtlinge und das Kindergeld (1954). Auch der soziale Wohnungsbau wird gefördert. Die Gewerkschaften nutzen diese Gelegenheit und beteiligen sich mit ihrer Neuen Heimat an diesem Programm.

All diese Maßnahmen führen ab Ende der 1950er Jahre zu einem Anstieg der Sozialleistungsquote, also des Anteils der Sozialleistungen am Bruttosozialprodukt, von 17,1 Prozent im Jahre 1950 auf 24,0 Prozent (1965).

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Nach der Währungsreform: Serviererin in einem Berliner Café 1949 
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