Arbeiter im Eisenwalzwerk, Ausschnitt aus einem Gemälde von Adolph Menzel, zwischen 1872 und 1875 © ullstein bild - Heritage Images / Fine Art Images
Gemälde zeigt die Arbeit in einem  Eisenwerk der Bismarckzeit
1871-1890
Bismarck-Ära

Arbeitervereine verlieren an Einfluss

Rückschlag für die junge Bewegung

Der deutsch-französische Krieg und die Auseinandersetzungen innerhalb der Organisationen schwächen die junge Gewerkschaftsbewegung, die Zahl der Mitglieder sinkt dramatisch. Zwar können sich die Gewerkschaften im Zuge des wirtschaftlichen Booms (1871 bis 1873) stabilisieren, doch mit Beginn der Depression büßen sie erneut ihre Durchsetzungsfähigkeit ein.

Die ideologischen Konflikte zwischen den Gewerkschaften dauern an. Zwar legen 1875 die beiden sozialdemokratischen Strömungen (Lassalleaner und Eisenacher) ihren Streit bei und führen die Parteien und kurz danach die Gewerkschaften zusammen. 

Bergarbeiterstreik im rheinisch-westfälischen Industriegebiet: Jugendliche greifen eine Militärpatrouille an, Mai 1889

© AdsD/B004970

Doch der Konflikt mit den liberal orientierten Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine verschärft sich. Deutlichster Beweis: 1876, auf dem Leipziger Verbandstag, beschließen die liberalen Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine die Einführung einer Revers-Unterschrift, mit der sich jedes Mitglied als Gegner der Sozialdemokratie bekennen muss.

Nach der Verabschiedung des Sozialistengesetzes (1878) werden die Gewerkschaften von einer Verbotswelle überrollt: Aufgelöst werden alle, außer den Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinen und denen, die sich zuvor zur parteipolitischen Neutralität bekannt haben, z.B. der Buchdruckerverband, der Senefelderbund der Lithographen und Steindrucker, der Schiffszimmererverband und der Verband der sächsischen Berg- und Hüttenarbeiter.

Doch trotz staatlicher Unterdrückung wird Ende 1880 mit dem Wiederaufbau von Gewerkschaften begonnen. Es werden lokale Fachvereine, Kranken- und Sterbekassen, Wanderunterstützungen (zur Absicherung gegen die finanziellen Folgen von Streik und Arbeitslosigkeit) und Arbeitsnachweise gegründet. 

Viele von ihnen werden 1888 erneut aufgelöst. Dennoch behalten die Gewerkschaften ihre Handlungsfähigkeit, die Streiks nehmen deutlich zu: Zwischen 1888 und 1890 werden 670 Streiks gezählt. Höhepunkt dieser Streikwelle ist der Streik der Bergarbeiter vom Mai 1889.
Und die Zahl der Arbeiter, die sich den Gewerkschaften anschließen, wächst.

Seiten dieses Artikels:

1871 - 1890

Nach dem deutsch-französischen Krieg: Arbeiterschaftsverband unter Druck
Das Sozialistengesetz und die Folgen: Die Verbotswelle rollt

Themen und Aspekte dieser Epoche:

Die SPD unter dem Sozialistengesetz
Streit um lokale oder zentrale Strukturen
Sozialdemokraten befürworten einheitliche Arbeiterorganisation

Arbeitslosigkeit von 1887 bis 1940
Entwicklung der Arbeitskämpfe 1848 bis 1875 (pdf) 
Die Arbeitszeit in der Industrie von 1800 bis 1918 (pdf)
Mitgliederentwicklung gewerkschaftlicher Spitzenverbände ab 1869 (pdf)
Struktur der Erwerbsbevölkerung 1882 bis 2012 (pdf)
Erwerbstätige nach Beruf 1895 bis 2014 (pdf)

Downloadmöglichkeit der Tabellen aller Epochen 

Quellen- und Literaturhinweise

Albrecht, Willy, Fachverein – Berufsgewerkschaft – Zentralverband. Organisations­probleme der deutschen Gewerkschaften 1870-1890, Bonn 1982

Auer, Ignaz, Nach zehn Jahren. Material und Glossen zur Geschichte des Sozialistengesetzes, Nürnberg 1913

Berdrow, Wilhelm (Hrsg.), Alfred Krupps Briefe 1826 - 1887, Berlin 1928,

Fricke, Dieter, Die deutsche Arbeiterbewegung 1869-1914. Ein Handbuch über ihre Organisation und Tätigkeit im Klassenkampf, Berlin (DDR) 1976

Führer, Karl Christian, Carl Legien 1861-1920. Ein Gewerkschafter im Kampf für ein „möglichst gutes Leben“ für alle Arbeiter, Essen 2009

Kutz‑Bauer, Helga, Arbeiterschaft, Arbeiterbewegung und bürgerlicher Staat in der Zeit der Großen Depression. Eine regional‑ und sozialgeschichtliche Studie zur Geschichte der Arbeiterbewegung im Großraum Hamburg 1873-1890, Bonn 1987

Mommsen, Wolfgang J. u. Gerhard Husung (Hrsg.), Auf dem Wege zur Massengewerk­schaft. Die Entwicklung der Gewerkschaften in Deutschland und Großbritannien 1880-1914, Stuttgart 1984

Müller, Dirk H., Gewerkschaftliche Versammlungsdemokratie und Arbeiterdelegierte vor 1918. Ein Beitrag zur Geschichte des Lokalismus, des Syndikalismus und der entstehenden Rätebewegung, Berlin 1985

Müller, Hermann, Die Organisationen der Lithographen, Steindrucker und verwandten Berufe, Nachdruck der 1917 erschienenen 1. Aufl., Berlin u. Bonn 1978

Protokolle der Verhandlungen der Kongresse der Gewerkschaften Deutschlands. 1, 1892-10, 1919, 7 Bde., Nachdr., Bonn u. Berlin 1979/80

Protokoll des Internationalen Arbeiter-Congresses zu Paris, abgehalten vom 14. bis 20. Juli 1889. Deutsche Übersetzung, Nürnberg 1890

Ritter, Gerhard A. u. Klaus Tenfelde, Arbeiter im Deutschen Kaiserreich 1871 bis 1914,

Bonn 1992

 

 

Schlaglichter
  • Sozialistengesetz
  • Verbot SPD nahestehender  Gewerkschaften
  • Richtungsstreit zwischen Gewerkschaften
  • Politischer Streit über Rolle der Gewerkschaften 
  • Wiedergründungen und große Streikwelle
Bild mit Fabrikarbeiterfahne im 19. Jahrhundert

Gewerkschaftliche Fahnen aus der Bismarck-Ära

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