Tafel zum "Sozialistischen Wettbewerb" mit Qualitätsnoten, Prozentziffern zur Normerfüllung und Zahlen zum Arbeitszeitfond, Februar 1989 im Ostberliner VEB Elektroprojekt und Anlagenbau Berlin (EAB) ©Peter Zimmermann / dpa
Anzeigetafel für den sozialistischen Wettbewerb in einem volkseigenen Betrieb
1961-1974
Ost: Hinter dem Eisernen Vorhang

Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik

Neue Richtschnur für besseren Lebensstandard

Mit dem „Neuen System der Planung und Leitung“ (NÖS) gelingt es der DDR tatsächlich, die Wirtschaft zu beleben. In den Jahren 1961 bis 1963 steigt die Investitionsquote deutlich an, die Förderung der Schwerindustrie wird zugunsten der Investitionsgüterindustrie abgebaut, Chemie- und Elektroindustrie sowie der Maschinenbau werden gestützt. Die Rationalisierung wird vorangetrieben, doch die Produktionskosten sind im Vergleich zu anderen Ländern immer noch recht hoch. Und die Entwicklung der Konsumwirtschaft bleibt hinter den Erwartungen der Bevölkerung zurück.

Elektrochemisches Kombinat Bitterfeld, 1959

© Bundesarchiv/DH2-F01956; Foto: Wolter

Ein großes Problem für die DDR ist ihr Mangel an Devisen. Um Rohstoffe zu beschaffen, braucht sie „Valuta“, eine westliche Währung. Um den Devisenmangel zu bekämpfen, wird 1964 die Abteilung Kommerzielle Koordinierung (KoKo) im Ministerium für Außenhandel geschaffen. Sie fädelt so manchen Deal ein, auch unter Umgehung rechtlicher Auflagen, um die Valuta zu beschaffen. Gelder, die die Bundesrepublik Deutschland für die Freilassung politischer Häftlinge zahlt, tragen ebenso dazu bei, das Devisenkonto aufzustocken.

Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik

Nach dem Regierungswechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker gibt die SED eine neue Losung aus: „Die Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ ist ab 1961 die Richtschnur für die Wirtschaftspolitik. Danach soll zunächst die Versorgung der Bevölkerung verbessert werden. Die Steigerung der Nachfrage, so das Konzept, werde zu einer Stärkung der Wirtschaft insgesamt führen. So werden die Subventionen für den Konsumbereich und die Konsumgüterindustrie erhöht, der Wohnungsbau wird vorangetrieben. Bis 1980 zieht die DDR überall im Land Plattenbauten mit etwa 700.000 bis 800.000 Wohnungen hoch. Die Renovierung von Altbauten wird vernachlässigt, der alte Wohnungsbestand verfällt.

Die Förderung der Verbrauchswirtschaft geht zu Lasten staatlicher Investitionsmöglichkeiten, mit denen strukturelle Ungleichgewichte ausgeglichen und neue Technologien gefördert werden können. Dennoch werden einige größere Investitionen in Angriff genommen: Um den landwirtschaftlich geprägten Norden zu industrialisieren, werden z.B. in Eisenhüttenstadt das Eisenhüttenkombinat Ost und in Schwedt das Petrochemische Kombinat aufgebaut.

Die finanzielle Förderung von Zukunftsinvestitionen konzentriert sich auf den Bereich der Mikroelektronik. Doch trotz eines hohen finanziellen Einsatzes kann die DDR-Computerindustrie nicht mit der Entwicklung im Westen mithalten.

Kennzeichnend für die Wirtschaftsstruktur der DDR ist, dass der Anteil der in Großbetrieben beschäftigten Arbeitnehmer wächst, die Zahl der Betriebe aber sinkt. Dieser Trend zeigt sich in der Industrie und – dank der Kollektivierung – auch in der Landwirtschaft.

Qualifikationsoffensive

Die DDR-Wirtschaft benötigt qualifizierte Arbeitskräfte, um die weit gesteckten wirtschaftlichen Ziele zu erreichen. Daher startet sie in den 1960er Jahren eine Qualifizierungsoffensive, von der insbesondere auch die Frauen profitieren. Der Anteil der An- und Ungelernten an der Gesamtzahl der Berufstätigen geht von 59,6 Prozent im Jahr 1960 auf 32,9 Prozent im Jahre 1975 zurück. Im selben Zeitraum wächst der Anteil der Berufstätigen mit Fachschulabschluss von 4,9 auf 8,6 Prozent, derjenigen mit Hochschulabschluss von 1,9 auf 4,3 Prozent. Der Anteil weiblicher Berufstätiger, die über einen Hochschul- bzw. einen Fachschulabschluss verfügen, wächst von 1961 bis 1975 von 23,6 auf 31,1 bzw. von 31,8 auf 43,3 Prozent.

Die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte wird wohl aus politischen Gründen nur sehr begrenzt betrieben. Jedenfalls ist die Zahl der ausländischen Kontraktarbeiter, vor allem aus Polen und Ungarn, gering.

Hohe Frauenerwerbsquote

Anfang der 1960er Jahre sind fast 70 Prozent aller arbeitsfähigen Frauen im Alter von 16 bis 60 Jahren berufstätig. Allerdings ist der Anteil junger Frauen und Mädchen, die für technische Berufe ausgebildet werden, rückläufig. Auch die Repräsentanz von Frauen in mittleren und leitenden Führungspositionen von Wirtschaft und Gesellschaft ist niedrig. Um den Frauenanteil zu erhöhen, werden infrastrukturelle Maßnahmen eingeleitet, die das Alltagsleben von Frauen erleichtern sollen. Gedacht ist vor allem an eine Verbesserung der Kinderbetreuung sowie der haushaltsnahen Dienstleistungen.

Dennoch bleibt den Frauen oft keine andere Wahl als eine Teilzeitbeschäftigung. Denn auch die Ehemänner in der DDR fühlen sich keineswegs alle für Familien- und Hausarbeitzuständig. Der Anteil der teilzeitbeschäftigten Frauen wächst von neun Prozent 1958 auf über 30 Prozent 1970 an. 

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