Die Zehnstundentagskämpferinnen und -kämpfer von Crimmitschau im Januar 1904 ©Heimatmuseum Crimmitschau http://194.245.72.177/CMS/Icons/CommandButtons/Ok.gif
1890-1914
Wilhelminisches Kaiserreich

Gewerkschaften werden durchsetzungsfähig

Endlich gelingt der Durchbruch

Langsam erholen sich die Gewerkschaften von den Folgen der Wirtschaftskrise und von den Niederlagen, die sie in den zurückliegenden Jahren einstecken mussten. Sie werden durchsetzungsfähiger und damit auch attraktiver. Ende des 19. Jahrhunderts gelingt der Durchbruch – trotz massiver staatlicher Versuche, die Arbeiterbewegung zu stoppen.

Die ständigen Warnungen Kaiser Wilhelms II. vor den Parteien des Umsturzes, die massiven Polizeieinsätze gegen Streikende und die bitteren Niederlagen, die die Gewerkschaften in den zurückliegenden Jahren einstecken mussten, haben fatale Folgen: Die Gewerkschaften sind verunsichert, taktieren, um Konflikte mit dem Staat zu vermeiden und verprellen damit viele ihrer Mitglieder. In Scharen treten Arbeiterinnen und Arbeiter aus, zwischen 1890 und 1892 fast 75.000. Erst Mitte der 1890er zeichnet sich eine Wende ab: Die Gewerkschaften können endlich – wenn auch bescheidene – Verbesserungen durchsetzen. Die Löhne steigen zwischen 1890 und 1913 von 650 auf 1.083 Mark, die Arbeitszeit wird verkürzt von 11 Stunden (1890) auf 10 Stunden pro Tag (1913). Und die Mitgliederzahlen steigen. Die Gewerkschaften entwickeln sich zu Massenorganisationen. 1914 haben allein die Freien Gewerkschaften 1.502.811 Mitglieder.

Emma Ihrer, Mitglied der ersten Generalkommission und Leiterin des Frauenkomitees der Freien Gewerkschaften

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Diese Erfolge sind zum einen der inzwischen florierenden Wirtschaft, zum anderen wichtigen Veränderungen im Aufbau der Gewerkschaften geschuldet. 1890 stimmen die Verbände, die sich in den Freien Gewerkschaften zusammengeschlossen haben, der Bildung einer zentralen Generalkommission zu. Im März 1892, auf einem Kongress in Halberstadt, wird nach heftigen Auseinandersetzung, die Bildung von Zentralverbänden beschlossen. Die Anhänger lokaler Organisationsprinzipien verlassen unter Protest den Kongress. Sie versuchen in den Jahren darauf die lokale Bewegung gegen die zentralen Berufsverbände zu stärken. Ohne Erfolg. Sie verschwinden zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der politischen Bühne.

Nicht abschließend geklärt werden kann auf diesem Kongress der Konflikt, ob die einzelnen Gewerkschaften berufsständische Organisationen bleiben wollen oder sich für neue Mitgliedergruppen, wie etwa für un- und angelernte Arbeiter, öffnen sollen. Während die Handwerker in kleinen und mittleren Betrieben sich für Berufsverbände aussprechen, unterstützen die Arbeiter in Großbetrieben, die aus ganz unterschiedlichen Berufen kommen, die Idee eines Industrieverbandes. Doch im zentralen Dachverband  sind sowohl Berufsgewerkschaften als auch Industriegewerkschaften willkommen.

Die Organisationsprinzipien, die sich damals herausbilden, haben bis heute Bestand: Arbeiterinnen und Arbeiter werden Mitglied in ihrem Einzelverband, der Einzelverband ist Mitglied des Dachverbands. Die örtlichen, regionalen und zentralen Vorstände werden von Delegierten der jeweiligen Ebene demokratisch gewählt, die Vorstände müssen regelmäßig Rechenschaft ablegen. Der Mitgliedsbeitrag wird in den Einzelverbänden vor Ort entrichtet, über Streikmaßnahmen entscheidet der Zentralvorstand.

Die Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine

Nicht so positiv ist die Entwicklung der Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine. Obwohl sie nicht vom Sozialistengesetz betroffen sind, sinkt die Zahl der Mitglieder zwischen 1891 und 1892 von 65.500 auf 45.000 ab. Ursache für diese Entwicklung sind interne Konflikte über Inhalte und Struktur der Organisation, unter anderem über die Haltung zum Streik. Nach 1892 steigt die Zahl der Mitglieder langsam wieder an und erreicht mit 106.600 im Jahr 1913 ihren Höchststand.  

Gründung der Christlichen Gewerkschaften

Weil kirchlich gebundene Arbeiter sich von der „gottlosen“ Sozialdemokratie und den Freien Gewerkschaften abgestoßen fühlen, gründen sie Mitte der 1890er Jahre eine dritte Gewerkschaftsbewegung: die Christlichen Gewerkschaften. Der Aufbau geht rasch voran und ist 1906 mehr oder weniger abgeschlossen.

Geschäftsstelle des Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften ab 1913 in Köln

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Die Christlichen Gewerkschaften verfügen sehr schnell über ein vielfältiges Pressewesen, über zahlreiche Gewerkschaftshäuser, über Gewerkschaftsbeamte und über ein ausgebautes Unterstützungswesen. Um das zu finanzieren, müssen die Mitgliederbeiträge regelmäßig erhöht werden. Dennoch steigt die Zahl der Mitglieder, von einigen kurzfristigen Rückschlägen abgesehen, kontinuierlich an. Sie rücken schon bald zur zweitstärksten Gewerkschaft im Deutschen Reich auf.

Streik und Aussperrung

Die Gewerkschaften können zwischen 1890 und 1914 einige Erfolge verbuchen. 1899 schließen die Bauarbeiter, 1906 die Metallarbeiter ihre ersten Tarifverträge ab. Danach steigt die Zahl der Tarifverträge rasch an – von 3.000 im Jahre 1906 auf etwa 13.500 für 218.000 Betriebe mit etwa 2 Millionen Arbeitnehmern im Jahre 1913. Die meisten dieser Tarifverträge kommen ohne Streik zu Stande.

Dennoch: Ohne Streik geht es oft nicht, die Arbeitskämpfe nehmen zu. Trotz des Risikos, das Gewerkschaften dabei eingehen müssen. Denn immer häufiger greifen Arbeitgeber auf das „Kampfmittel“ Aussperrung zurück. Sie versuchen, die Arbeiter zu spalten und die Kassen der Gewerkschaften zu plündern.

Spaltung der Gewerkschaften besteht fort

Bei allen Erfolgen: Die Arbeiterbewegung muss immer wieder Niederlagen hinnehmen. Nicht zuletzt, weil sie in drei Gewerkschaftsrichtungen gespalten ist. Die bitterste Erfahrung machen die Bergarbeiter an der Ruhr im Jahr 1912. Sie sind nicht nur der geballten Macht von Staatsverwaltung, Militär, Justiz und Unternehmerschaft ausgesetzt. Sie bekommen auch die Folgen einer gespaltenen Gewerkschaftsbewegung zu spüren. Der Gewerkverein christlicher Bergarbeiter, der 1905 noch mitgestreikt hat, ist nicht mehr zur Zusammenarbeit mit den Freien Gewerkschaften bereit. Der Streik endet mit einer schweren Niederlage.

Öffnung für Frauen

Auf dem ersten Kongress der Freien Gewerkschaften 1892 in Halberstadt senden die Delegierten ein klares Signal an ihre Mitgliedsverbände: Die Werbung von Frauen sei ein „Gebot der Selbsterhaltung”. Daher sollen, wo nötig, die Statuten geändert werden, um die Aufnahme von Frauen zu ermöglichen.

Doch die Wirkung dieses Beschlusses ist begrenzt. Der Frauenanteil in den Freien Gewerkschaften steigt nur sehr langsam – von rund zwei Prozent im Jahre 1892 auf 3,3 Prozent im Jahre 1900 und schließlich auf 8,8 Prozent im Jahre 1913.

Seiten dieses Artikels:

1890 - 1914

Auf dem Weg zum Dachverband
Der Kampf gegen soziale Missstände -  Tarifverträge auf dem Vormarsch

Themen dieser Epoche:
Kultur der Arbeiterbewegung
Politisches Engagement der Arbeiter
Veränderungen in der Arbeitswelt
Christliche Gewerkschaften: Konflikt mit der Kirche
Aufgaben der Generalkommission
Debatte über Massenstreik
Streit um lokale oder zentrale Strukturen

Die Not der Heim-, Land- und Wanderarbeiter
Keine soziale Absicherung
Zusammenleben auf engstem Raum

Verfügbare Statistiken für diese Epoche:
Arbeitslosigkeit, Arbeitszeit, Arbeitskämpfe, Löhne, Mitgliederentwicklung der Gewerkschaften, Strukturdaten zur Erwerbsbevölkerung.

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Quellen- und Literaturhinweise

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Zur Organisationsfrage, in: Correspondenzblatt Nr. 13 vom 23.5.1891, S. 51 - 53

Zur Taktik bei Lohnbewegungen, in: Correspondenzblatt Nr. 9 vom 1.3.1897, S.45 - 47

Schlaglichter
  • Gewerkschaften erholen sich
  • Freie Gewerkschaften bilden Generalkommission als Dachverband 
  • Streiks werden organisierter und erfolgreicher 
  • Christliche Arbeiter gründen eigene Gewerkschaft 
  • Freie Gewerkschaften erringen mehr Eigenständigkeit (Mannheimer Abkommen)

Carl Legien, Vorsitzender der Generalkommission der Freien Gewerkschaften
© Adsd/A038403

Mitgliedsbücher

August Brust, Gründer und erster Vorsitzender des Gewerkvereins christlicher Bergarbeiter 
© AdsD/A180009

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