Tafel zum "Sozialistischen Wettbewerb" mit Qualitätsnoten, Prozentziffern zur Normerfüllung und Zahlen zum Arbeitszeitfond, Februar 1989 im Ostberliner VEB Elektroprojekt und Anlagenbau Berlin (EAB) ©Peter Zimmermann / dpa
Anzeigetafel für den sozialistischen Wettbewerb in einem volkseigenen Betrieb
1961-1974
Ost: Hinter dem Eisernen Vorhang

Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund

Die Schule des Sozialismus

Was immer die SED-Staatsführung verlangt, der FDGB führt es aus: Er bejubelt den Aufbau des Sozialismus und setzt alles daran, die Produktivität der DDR-Wirtschaft zu steigern. Er ist mitverantwortlich für die „moralische“ Erziehung der Werktätigen und gibt sich dafür her, die Jugend „wehrpolitisch zu ertüchtigen“.

Plakat des FDGB mit Werbung für die“ nationalen Streitkräfte“, 1952

© AdsD/6/FOTB044759

Doch unabhängig und frei, wie die Gewerkschaften im Westen, ist der FDGB nicht. Obwohl dies in der Verfassung aus dem Jahre 1968 ausdrücklich niedergeschrieben ist. Doch die politische Realität sieht anders aus. Ob aus Überzeugung oder weil er keine andere Wahl hat: Der FDGB ordnet sich unter und setzt die Vorgaben der Partei- und Staatsführung um. Und es vergehen kein FDGB-Kongress und kein SED-Parteitag, auf dem man sich nicht gegenseitig und immer wieder die „ewige Treue“ schwört.

Oberstes Ziel des FDGB ist, wie das der SED: die Steigerung von Produktion und Produktivität. Mit großem Propagandaaufwand, ungezählten sozialistischen Wettbewerben und finanziellen Leistungsanreizen will man die Wirtschaft auf Vordermann bringen, um gegen die Konkurrenz im kapitalistischen Ausland zu bestehen. Gleichzeitig durchlaufen Hunderttausende die FDGB-Schulungen, in denen sie gegen die „ideologische Verführung“ aus dem Westen gewappnet werden. Der FDGB ist, so sein Vorsitzender Herbert Warnke auf dem 6. FDGB-Kongress im November 1963, die „Schule des Sozialismus“. Seine Aufgabe sei, „das sozialistische Bewusstseins der ganzen Klasse“ zu heben und „die schöpferischen Kräfte aller Werktätigen in die aktive Teilnahme am Aufbau des Sozialismus“ einzubeziehen. 

Vielseitige Aufgaben

Doch man tut dem FDGB unrecht, wenn man ihn nur auf seine Funktion als „Erziehungsanstalt“ reduziert. Auch wenn er nie gegen die SED aufmuckt, so trägt er dennoch dazu bei, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen zu verbessern. Die Arbeitszeit wird verkürzt, der Urlaub verlängert und die Einkommen steigen. Und das kulturelle Leben in der DDR wird vielfältiger. Der FDGB organisiert Betriebsfestspiele, Ausstellungen und Konzerte. Dabei erfreuen sich die eher volkstümlichen Veranstaltungen, besonderer Beliebtheit.

Das „Neue Ökonomische System der Planung und Leitung“ (NÖS), das 1963 eingeführt, um die Produktivität weiter zu erhöhen, eröffnet dem FDGB neue Spielräume. Er soll die Führungskräfte im Betrieb stärker kontrollieren und dafür sorgen, dass trotz Vorrang für die Produktion die Verbesserung der Arbeitsbedingungen nicht auf der Strecke bleibt.

FDGB-Plakat zur Materialeinsparung im Jahr 1969

© Bundesarchiv/Plak 100-028-023

Die neuen Aufgaben entfachen eine lebhafte Debatte über das Selbstverständnis des FDGB. Die einen plädieren dafür, die sozialpolitischen Belange der Arbeitnehmer nun offensiv gegenüber den Unternehmensleitungen zu vertreten. Andere beharren darauf, dass die Interessen von Staat, Wirtschaft und Belegschaft in einem sozialistischen Staat identisch seien. Die Debatte endet schnell – es bleibt beim Schulterschluss mit der SED.

Kontakte in den Westen

Bereits Mitte der 1960er Jahre versucht der FDGB Kontakt zu Einzelgewerkschaften im Westen aufzunehmen. Sein Augenmerk gilt insbesondere der IG Druck und Papier und der IG Metall, weil man dort Ansprechpartner vermutet, die der Gesellschaftsordnung der DDR nahestehen. Kontakte auf Vorstandsebene entwickeln sich erst im Zuge der Neuen Ostpolitik. Ein erstes Treffen mit dem DGB findet im Oktober 1972 in Ost-Berlin, ein zweites im März 1973 in Düsseldorf statt. Doch wie die SED so befürchtet auch der FDGB, die Neue Ostpolitik gefährde das Klassenbewusstsein in der DDR. Um diesen „negativen“ Einflüssen entgegenzuwirken, intensiviert er seine politisch-ideologische Schulungen.

Organisationsentwicklung des FDGB

Die Mitgliederentwicklung des FDGB ist gut. Er wächst von 6,4 Millionen Mitglieder im Jahr 1963 (davon 2,85 Millionen Frauen) auf 7,3 Millionen im Jahr 1972 (davon 3,58 Millionen Frauen).

1,6 Millionen Mitglieder nehmen ein Ehrenamt wahr (1963). Auch wenn diese Zahl nichts über das demokratische Leben innerhalb des FDGB aussagt, so deutet sie doch darauf hin,  dass die Bereitschaft, sich aktiv an der Gewerkschaftsarbeit zu beteiligen, hoch ist.

Beachtlich ist auch die Zahl der Vorstandmitglieder an der Spitze des FDGB: Auf dem 6. FDGB-Kongress im November 1963 wird der Bundesvorstand von 199 auf 233 Mitglieder vergrößert. Das Sekretariat, das die politischen Entscheidungen vorbereitet, wird von neun auf sechs Mitglieder verkleinert. Alle Mitglieder des Sekretariats haben das SED-Parteibuch.

Auf dem 7. FDGB-Kongress im Mai 1968 wird mit Johanna Töpfer erstmals eine Frau zur Stellvertretenden FDGB-Vorsitzenden gewählt.

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1961 - 1974 

FDGB nach dem Mauerbau: Die SED weist den "richtigen" Weg
Kontakte in den Westen:  FDGB unterstützt die SED-Außenpolitik
93,6 Prozent sind in der Gewerkschaft:  Zahl der Mitglieder steigt weiter

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Quellen- und Literaturhinweise

Autorenkollektiv, geleitet von Heinz Deutschland, Geschichte des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, Berlin (DDR) 1982

Bednarek, Horst (Hrsg.), Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund. Seine Rechte und Leistungen, Tatsachen, Erfahrungen, Standpunkte (1945-1990), Berlin 2006

Brunner, Detlev, Sozialdemokraten im FDGB. Von der Gewerkschaft zur Massenorganisation, 1945 bis in die frühen 1950er Jahre, Essen 2000

Dowe, Dieter u. Michael Kubina (Hrsg.), FDGB-Lexikon. Funktion, Struktur, Kader und Entwicklung einer Massenorganisation der SED (1945-1990), Berlin 2009

Engler, Wolfgang, Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land, Berlin 1999

Gill, Ulrich, FDGB. Die DDR-Gewerkschaft von 1945 bis zu ihrer Auflösung 1990, Köln 1991

FDGB-Bundesvorstand (Hrsg.), Protokolle der Gewerkschaftskongresse

Hübner, Peter u. Klaus Tenfelde (Hrsg.), Arbeiter in der SBZ-DDR, Essen 1999

Hübner, Peter, Arbeit, Arbeiter und Technik in der DDR 1971 bis 1989. Zwischen Fordismus und digitaler Revolution (= Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, Bd. 15), Bonn 2014

Hübner, Peter, Christoph Kleßmann u. Klaus Tenfelde (Hrsg.), Arbeiter im Staatssozialismus. Ideologischer Anspruch und soziale Wirklichkeit, Köln 2005

Kleßmann, Christoph, Arbeiter im „Arbeiterstaat“ DDR. Deutsche Traditionen, sowjetisches Modell, westdeutsches Magnetfeld (1945 bis 1971) (= Geschichte der Arbeiter und der Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, Bd. 14), Bonn 2007

Link, Franz Josef, Lohnpolitik in Ostdeutschland aus ökonomischer und sozialer Perspektive, Köln 1993

Steiner, André, Die DDR-Wirtschaftsreform der sechziger Jahre, Berlin 1999

Schlaglichter 
  • FDGB schwört der SED weiter die Treue
  • Mitgliederquote steigt auf über 90 Prozent
  • Hunderttausende in ideologischen Schulungen 
  • Gewerkschaft: Motor der Arbeiterkultur 
  • FDGB als beliebter Reiseveranstalter
Das Emblem des FDGB

Johanna Töpfer, seit 1969 stellvertretende Vorsitzende des FDGB
© AdsD/6/FOTA118539;  Artikeldienst Mitteldeutschland

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